6.1.13

Erstes Kleid aus der Pramo

Schreiben hilft tatsächlich, direkt nachdem ich diesen Post geschrieben hatte ging es mir schon etwas besser, manchmal tut es auch einfach gut, zu hören, daß es anderen ähnlich geht..., gell!? Die Hose für Julius hab ich tatsächlich an dem Tag noch fertig bekommen, das blaugepunktete Kleid liegt in den letzten Zügen bzw. Säumen.
Mit dem Kleid bin ich nicht so hundertprozentig glücklich, vielleicht sollte ich es erstmal fertig nähen, aber ich habe beim Nähen schon gemerkt, daß ich rein von der Planung her langsam genug von Jerseykleidern habe.
Hier habe ich es in einem Nebensatz erwähnt, ich hab im Dezember mit einem Rundumschlag bei Ebay und Dawanda einen kleinen Stapel alter bis richtig alter Nähzeitschriften angeschafft, blättere sie seitdem ehrfürchtig durch und überlege, was ich wohl als erstes nähen könnte.
Mich juckt es total in den Fingern, die Hefte sind voller Kleider (wirklich, bis in die siebziger scheinen Frauen vor allem Kleider getragen zu haben, jedenfalls finde ich fast keine Schnitte für Hosen, komischerweise auch kaum welche für Blusen). Stilistisch ist alles denkbar, die siebziger und fünfziger Jahre gefallen mir persönlich am Besten, ich wage mich jetzt als erstes an einen Schnitt von '76.

Vielleicht interessiert Euch das auch ein bisschen? Es gibt nämlich einige Unterschiede zu heutigen Schnittmusterheften und ein paar Blicke in Hefte sind vielleicht ganz aufschlussreich, bevor man sich ins Vergnügen stürzt (das Angebot auf ebay und Co. ist ziemlich groß). Ich habe drei Versuche mit alten Einzelschnitten hinter mir, davon zwei Ufos. Grundsätzlich ging ich daher davon aus, daß die Schnitte auch ungewohnt ausfallen und man vielleicht einiges anpassen muss. Mein Mantel war auch aus den 70ern und hatte ganz eng geschnittene Schultern und Arme. Also: Obacht!

Ich fange jetzt einfach mal an und lasse Euch zuschauen. Falls ich Schiffbruch erleide erlebt ihr es live....uuuaaaahhh. Lieber keinen so edlen Stoff nehmen und gaaaanz vorsichtig vorgehen!

Als erstes also eine Pramo, die früher "praktische Mode" hiess. Quasi die DDR-Burda, erschienen beim Verlag für die Frau, Leipzig. Kurz nach der Wende wurde sie leider eingestellt.
Als erstes fiel mir bei der Ebay-Suche auf, daß sie vor allem in den 60ern/70ern sensationelle Cover hat, für meine Begriffe. Die Titelfotos sind z.T. irre gut, bei genauerer Betrachtung garnicht so hübsche Frauen oder Kleider, aber man kann garnicht weggucken, die Geste, die Farben, die Blicke, toll. Manch eine hätte ich mir fast nur wegen des Covers gekauft, bzw. hab ich auch ;-)
Mal ein paar frech von Ebay geklaute Bilder zum Gucken:





Die Pramo enthält fast nur Schnitte für Frauen, weniges für Kinder, selten mal was für den Gatten. Bei den Frauen wird schön nach Alter unterschieden, es gibt Schnitte für reifere Frauen und für junge Damen, ähem...gut daß das vorbei ist.
Ausserdem sind alle Schnitte nur in einer Größe im Heft, es gibt Schnitte in mittelgroß (m) und in groß (g), klein habe ich in diesem Heft jetzt nicht gefunden, m geht aber schon bei 1,55m los, g nur bis 1,74m, das reicht ja heute auch kaum noch um als groß zu gelten. Ansonsten weiss ich nicht, was die Zahlen bei den Größenbezeichnungen bedeuten, der Brustumfang ist es nämlich nicht, das war meine erste Vermutung. Die Größe g88 z.B. hat einen Brustumfang von 96cm, das wäre jetzt meine Ausgangsgröße, die Hüfte muss ich da natürlich weiter machen.


Es gibt zwei Schnittmusterbögen die doppelseitig und nur schwarz bedruckt sind, nicht ganz so übersichtlich wie aktuelle Schnittmusterhefte.
Am Rand auf den Bögen finden sich die Angaben zu den Schnittteilen, jedes Kleidungsstück hat eine Nummer, dazu gibt es eine Schnittzeichnung, die erfoderliche Stoffmenge und dann die Nummern der Teile, deren Bezeichnungen und eine Zeichnung der Teile mit allen Markierungen, damit man die beim Abpausen auch nicht vergisst.

 
Zum einfacheren Auffinden der Teile sind die Bögen in 9 Quadrate aufgeteilt und bei jedem Teil steht dabei in welchem Quadrat die Teilenummer zu finden ist. Ausserdem haben die unterschiedlichen Kleider unterschiedlich gemusterte Schnittlinien, das kennen wir ja noch.

Grundsätzlich ist das alles gut zu machen, nervig fand ich nur, daß man so die Schnittteile nicht auf einen Blick erfassen kann und relativ auf gut Glück die Folie auflegen muss, richtig platzsparend habe ich es nicht hingekriegt. Hier übrigens ein ganz ungewohnt geschnittenes Teil, eine Eingriffs-Tasche vom Rockteil und zwar vorne und hinten zusammen, sie wird in der Mitte einfach umgeklappt. 


Mehr steht dann nicht mehr dabei, evt. noch eine Maßangabe für ein Teil (z.B. Gürtel) ohne Schnittmuster, aber keine Anleitung, keine Angaben zu Verstärkungen oder sonstigen Zutaten. Man braucht also etwas Näh-Routine oder einen Ratgeber im Hintergrund um damit zurecht zu kommen.

Jetzt zurück zu meinem konkreten Projekt, ich habe mich für diese Ausgabe entschieden, Heft 3/76.

Es sind einige interessante Schnitte drin, toll finde ich z.B. diese Kombination aus Jacke und Rock mit asymmetrischer Knopfleiste (rechts im Bild der Rock mit einer schönen Bluse, das kleine Bild zeigt die Jacke):

Viele Kleider sind Jackenkleider, also ein Rock mit einer passenden Jacke, die beige mit dem aufgesetzten Gürtel und den Taschen finde ich nicht schlecht, evt. könnte man die auch als Kleid einfach verlängern:

Total klasse finde ich diese Jacke mit den angekräuselten oberen Teilen und dem breiten Kragen, ich würde aber einen anderen Rock dazu nähen:

Ich bin jetzt aber zu ungeduldig für was aufwändiges, also nähe ich ein hoffentlich schnelles Kleid, die Wahl fiel auf dieses in der Mitte, einteilig mit Gürtel und angeschnittenem Kragen, ein Modell für die reifere Frau, jaja, ich werde ja auch nicht jünger...:

Und mehr kann ich jetzt leider nicht zeigen, ich habe abgepaust, gut abgemessen und geprüft, ein paar Änderungen vorgenommen (Brustabnäher verkleinert, Rock weiter zugeschnitten), zugeschnitten und versäubert. Morgen geht es weiter!



Kommentare:

  1. Da hast du ja wahre Schätze gefunden! Das Blümchenkleid gefällt mir richtig gut, aber auch die Kombinationen sind klasse. Ich bin gespannt, wie deine Version wird.

    LG
    Steffi

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  2. Ja, du hast recht, bis in die 70er wurden fast nur Kleider & Röcke getragen. Hosen waren z.B. in meiner Schulzeit (Abitur 1970) verboten. Und wenn man eine an hatte, wurde man gezwungen, einen Rock darüber zu tragen. Ohne Unterhemd unter einer Bluse im heißen Sommer - da wurde man beiseite genommen & zur Rede gestellt.
    Kannst du so vielleicht nachvollziehen, dass meine Generation Hosen lieber als alles andere trägt?
    Ich könnte so vieles aufschreiben, was wir uns erkämpfen mussten, vor allem die richtig harten Sachen wie das Recht, als verheiratete Frau zu arbeiten. Ich krieg dann schon ne Krise, wenn mir ein jüngere Frau was von Emanzipation erzählt auf die Frage, warum sie Retrokleider näht. Für uns waren diese Zeiten eben keine guten alten Zeiten, schöne Kleider hin oder her...
    Aber ich will niemandem die Freude am Selbermachen dieser Kleidungsstücke nehmen - wozu auch?
    Das Ganze relativieren würde ich aber schon gerne.
    Vielleicht schreib ich ja mal nen Post!
    Dir viel Spaß beim Entdecken!
    LG
    Astrid

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  3. oooh ich bin sehr gespannt und sicher, dass Du nicht scheitern wirst :)

    Zu den Größen: Die Größen in der DDR hießen einfach anders und die Buchstabend m & g [oder auch k = klein, mk = mitteklein, usw] beziehen sich vor allem auf die Körperhöhe bzw. Rückenlänge. Ansonsten entspricht meines Wissens eine 76 = 36/38, 82 = 40 88 = 42 usw. Aber wenn man die Maße hat ja eh egal wie's sich nu nennt ;)

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  4. die jacke und den rock mit der asymmetrischen knopfleiste finde ich toll!

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  5. Hui, beim Blick auf das Schnittmuster wird mir ganz schwindelig ... Das hört sich nach einem interessanten Projekt an, was Du da vorhast. Spannend!
    Christel

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  6. Ich glaub ich hätte keine Geduld, mich durch diese Schnittmusterbögen zu wurschteln. Da zieh ich den Hut vor Dir und bin ganz gespannt auf´s Kleid.
    LG Silvi

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  7. Die 70er finde ich auch sehr spannend. Wenn ich allerdings den Schnittbogen sehe, vergeht es mir direkt wieder...Da würde ich gar nichts finden!
    Ich werde Dir gespannt zuschauen!

    Viele Grüße
    Gaby

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  8. das sind echt tolle sachen, aber ich glaube ich würde schon bei den Schnittmustern versagen. :(

    Alle Achtung. ich bin auf das Ergebniss gespannt. :)
    LG
    Dani

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  9. Ich bin sehr auf deine Ergebnisse gespannt! Ich habe selbst auch schon ein paar "Vintage" Hefte und versuche gerade, noch mehr zu ergattern.
    Es bleibt spannend!
    Liebe Grüße,
    BuxSen

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  10. Danke für die ausführliche Dokumentation! Ich habe auch ein paar Pramo-Hefte und würde die mir wegen der tollen Titelbilder am liebsten alle einrahmen. Mit den Schnittmustern und Größen habe ich mich aber noch gar nicht beschäftigt, daher ist es prima, wenn du das hier mal ausfürhlich vorstellst.

    viele Grüße! Lucy

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  11. Ich habe mit Pramo und Sybille meine ersten Nähversuche gewagt. Ich freue mich, wenn wir dir hier ausgiebigst über die Schulter schauen dürfen und bin sehr gespannt auf die Ergebnisse. Ein paar der alten Hefte habe ich auch noch und finde nicht nur die Fotos, sondern z.T. auch die Schnitte sehr interessant. Mit den richtigen Stoffen können das tolle Kleider werden.
    LG Malou

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  12. Guck einfach mal bei Zuzsastyle auf dem Blog nach, links unten unter Kategorien - Vintage Maßtabellen. Da findest Du alles dazu.
    Viele Grüße
    Cornelia

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  13. Hei, super! Das verspricht spannend zu werden!! Ich hab' mir auch neulich eine alte Nähzeitschrift gekauft und schleiche noch etwas unentschlossen drumrum...

    Bin gespannt, bei Dir mitzuverfolgen, wie's wird :-)

    Liebe Grüße,
    Stefanie

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